| Adolf Beutler wurde am 23. Januar 1935 geboren; er lebt und arbeitet in Berlin. Er hat den Nationalsozialismus überlebt und ist 1947 mit 12 Jahren in eine Nervenklinik eingeliefert worden. Dort lebte er 42 Jahre als geistig Behinderter auf einer gesonderten Station unter psychisch kranken Menschen. Im Zuge der Enthospitalisierungsbewegung wurde diese Station aufgelöst, und Adolf Beutler zog in eine Wohngemeinschaft. Zeitgleich begann er, in den Mosaik-Werkstätten zu arbeiten, vorerst in der Industriemontage. 1996 richteten die Mosaik-Werkstätten eine Kunstwerkstatt ein. Dort entdeckte Adolf Beutler das bildnerische Schaffen für sich als adäquates Ausdrucksmittel.
Adolf Beutler arbeitet monatelang an seinen Bildern. Langsam und stetig wachsen die Linien über das Blatt, so dass aus der zunehmenden Zahl der Spuren immer kompliziertere, nicht mehr zu entziffernde Systeme werden. Ein Bild beginnt er meist mit buchstabenartigen Zeichen, die er dann mit einem farbigen Netz aus Buntstiftstrichen überzieht. Bunt- und Bleistiftlinien ziehen sich in rhythmischen Bewegungen über die Zeichenfläche. Sie treffen sich in Verknäuelungen, kreuzen einander, verdichten sich zu Gitterflächen, lassen mehr oder weniger Freiraum und verführen dazu, ihren scheinbar unendlichen Wegen und Möglichkeiten zu folgen. Seine Netze erinnern an Schaltpläne oder Stadtpläne. Sie scheinen Sachverhalte von sehr nah oder sehr fern zu beschreiben: der Blick aus dem Flugzeug über eine Landschaft aus Terassenfeldern oder auf das Straßengefüge einer Großstadt ist in ihnen genauso zu finden wie der Blick durch das Mikroskop auf eine winzige Struktur, die dem bloßen Auge verborgen bleibt. Der Eindruck, den man beim Betrachten Beutlerscher Bilder hat, ist der von extremer Nähe oder Ferne. Es scheint etwas gleichzeitig enthüllt und verborgen zu werden.
Die ausgestellten Arbeiten stehen exemplarisch für sein Werk. Er arbeitet an mehreren Bildern oder Installationen gleichzeitig, so dass ein räumliches Ensemble entsteht, aus dem nur Ausschnitte gezeigt werden können.
Adolf Beutler hat für sich eine Arbeitsweise gefunden, die ihm erlaubt, den zweidimensionalen Bildraum zu verlassen. Er zieht seine Markierungen über den Bildrand hinaus und integriert so die Staffelei oder andere Zeichenunterlagen in sein Werk. Eine umfassendere Ausstellung seiner Arbeit müsste seinen Atelierplatz zeigen: der Tisch ist bedeckt von kleinformatigen Papieren, bezeichneten Schnipseln, Notizen, die er mit Holzklötzchen fixiert. Auch diese werden Teil des Werkes, indem Beutler die Linien oder Zeichen auf dem hölzernen Untergrund fortsetzt. Sein Tischarrangement ist einer ständigen Metamorphose unterzogen. Täglich werden Einzelteile neu arrangiert, kommt ein neues, noch unbezeichnetes gefundenes Objekt hinzu. Links und rechts des Arbeitstisches stehen Staffeleien mit großformatigen Papieren, die er über und über mit Buntstiftlinien versehen hat. Auf der Fensterbank setzt sich die Tischinstallation fort: Holzquader und Täfelchen, teilweise weiß grundiert, schließen die vierte Seite seiner raumgreifenden Installation ab.
Adolf Beutler ist Preisträger des EUWARD 2000 (3. Preis) des 1. Europäischen Kunstpreises Malerei und Grafik von Künstlern mit geistiger Behinderung
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